Geschichte der Kasematten

Eine Kasematte (frz. casematte, von mittelgr. χάσμα chásma „Spalte“, „Erdschlund“, „Erdkluft“ über ital. casamatta „Wallgewölbe“) ist ein vor Artilleriebeschuss geschütztes Gewölbe im Festungsbau. Die Kasematten in Wiener Neustadt sind angesichts ihres guten Erhaltungszustandes einzigartig in Österreich und stehen unter Denkmalschutz.

Von Gründungszeiten an hat Wiener Neustadt im deutschsprachigen Raum eine Vorreiterrolle in der Befestigungstechnik von Städten gespielt. Die Errichtung der Kasematten stellt einen Endpunkt in dieser über Jahrhunderte andauernden Entwicklung dar.

Die gut ausgebaute Stadtmauer mit ihrer vorgelagerten Zwingermauer bot aufgrund der aufkommenden Feuerwaffen im ausgehenden 15. Jh. nicht mehr ausreichend Schutz. Die drohende Türkengefahr machte es notwendig, die Stadtmauer mit Bastionen, Barbakanen und Vorwerken zu verstärken. Die fehlenden Unterbringungsmöglichkeiten für Soldaten, Munition und Waffen führten zu einem Ausbauprogramm in der Regierungszeit Ferdinand I. im 16. Jh. Das kaiserliche Zeughaus gegenüber der Burg, das bürgerliche Zeughaus und die Kasematten können als zusammenhängendes Gefüge betrachtet werden, da alle drei Gebäude mehr oder weniger über den Zwingergang miteinander verbunden waren.

Nach den Plänen des Baumeisters Johann Tscherte wurde zwischen 1551 und 1557 die Südwestecke der Stadtbefestigung massiv ausgebaut. Zum einen wurden einzigartige unterirdische Gewölbe errichtet, die als Lagerraum für Munition und Geschütze dienten. Jene dort gelagerten Geschütze konnten über die sogenannte Strada Coperta, eine „überwölbte Straße“, in die Geschützhöfe gezogen werden. Die Geschützhöfe sind Teil der Bastionen, die nach italienischem Vorbild errichtet wurden. Da die Errichtung kostenintensiv war, konnte dieses Bauprojekt nicht komplett in Stein ausgeführt werden. Der Rest der riesigen Anlage wurde mit Erde aufgeschüttet. Im Nachhinein hat sich dies als sehr nützlich erwiesen, da die Erde die Erschütterung einschlagender Kanonenkugeln besser abfedern konnte.

Denn eine Steinmauer stürzt, wenn man sie lange genug beschießt, ein. Als man den Lagerraum für Waffen und Munition nicht mehr benötigte, wurden die Kasematten anderen Verwendungszwecken zugeführt. Das Ensemble wurde im 19. Jh. Als Bierlager genutzt. Um ein besseres Raumklima zu schaffen, wurde der Boden abgegraben und die renaissancezeitlichen Fundamente sowie die Befestigungen aus der Gründungszeit der Stadt um 1200 wurden sichtbar.

Die Kasematten waren im 20. Jh. bis ans Ende der 70er Jahre als Ort legendärer Jazz- und Festveranstaltungen im öffentlichen Bewusstsein fest verankert. Nach ihrer Schließung verfielen sie in einen jahrzehntelangen „Dornröschenschlaf“.

Erst mit dem Baustart für die Revitalisierung im Zuge der niederösterreichischen Landesausstellung 2019 wurden sie zu neuem Leben erweckt. Das Architekturbüro Bevk Perović aus Laibach schuf mit dem Welcome-Center und der Neuen Bastei nicht Gegenpole zu den Kasematten, sondern vielmehr eine Erweiterung der bestehenden Struktur.

Die Stadt als Festung

Nach einem erfolgreichen Landesausstellungsjahr präsentiert sich das Gebäudeensemble in neuem Licht. Die Ausstellung „Die Stadt als Festung“ gewährt Einblicke in die Entwicklung des Gebäudes und der Befestigungsanlagen. Als Veranstaltungsort für Theaterproduktionen, Konzerte sowie Kongresse und unterschiedlichste Events zeigen die Kasematten und die modernen Zubauten ihre Vielseitigkeit.

Der Rundgang durch die Ausstellung „Die Stadt als Festung“ führt durch die bewegte Geschichte der in Europa einzigartigen Anlage der Stadtbefestigung. Die rasante Entwicklung der Baukunst, aber auch der Waffentechnik haben die Ausbauten im Bereich der Kasematten vom 13. bis zum 17. Jahrhundert an geprägt.

Die Projektion eines 3D-Modells der Befestigungsanlagen und deren Entwicklung, sowie PC- Stationen und ein Tastmodell unterstützen den Besucher bei seiner Entdeckungsreise. Hands-on Modelle werden Jung und Alt begeistern. Während der Führung bewegt sich der Besucher durch die Strada Coperta, den SW-Eckturm und den Zwingergang. Der museal gestaltete Innenraum wird die Wissensvermittlung unterstützen. Um die mächtigen Mauern besser wahrzunehmen, wird der SW-Eckturm mit der Zwingermauer und der Bastionsmauer auch von außen besichtigt.

Von der mittelalterlichen Befestigungsanlage zur Eventlocation

Gut erhaltene Baustufen vom 13. bis zum 19. Jahrhundert machen die Kasematten Wiener Neustadt zu einer kulturhistorischen Besonderheit von europäischem Rang. Im Mittelalter zählte unsere Stadt zu den am stärksten befestigten Städten Europas. Die wehrhafte Anlage mit einer turmbewehrten Stadtmauer, vier Stadttoren und einem vorgelagerten Wassergraben schützte die Menschen.

Im Rahmen der NÖ Landesausstellung „Welt in Bewegung“ 2019 wurde es möglich, dieses Juwel zu revitalisieren und einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Dazu wurden bauhistorische Untersuchungen an der Stadtmauer und an den Kasematten durchgeführt. Die Ergebnisse zeigten eindeutig, dass die Anlage in Wiener Neustadt österreichweit einzigartig ist.

Namhafte Archäologen konnten zudem große Teile einer „Zwingermauer“, die ab dem 13. Jahrhundert der Stadtmauer als weiteren Schutz vorgelagert war, freilegen. Ziel war es stets, die Kasematten nicht nur zu revitalisieren, sondern diese in ein Gesamtkonzept einzubetten.

Zur Neugestaltung wurde daher ein Architekten- und Generalplaner-Wettbewerb unter der Leitung von Univ.Prof. Arch. DI András Palffy ins Leben gerufen. Insgesamt wurden dabei 54 Projekte, davon 10 aus dem Ausland, eingereicht. Als Sieger ging das Architekturbüro Bevk Perović aus Laibach hervor, das mit Welcome-Center und der Neuen Bastei nicht Gegenpole zu den Kasematten schuf, sondern vielmehr eine Erweiterung der bestehenden Struktur hervorbrachte.

So wurden die unterschiedlichen Elemente miteinander verbunden und zur Stadt und zum Stadtpark hin geöffnet. Die Kasematten wurden als gemeinsame Struktur genutzt, womit alle Aspekte des neuen Programms in ein nahtloses Ganzes gefügt wurden.

Heute prägen das Welcome Center, die Neue Bastei und das angrenzende Café den Charakter des Ortes. Die Neue Bastei bietet gemeinsam mit dem Ensemble der alten, historischen Kasematten, die ideale Location für Kongresse, Veranstaltungen, Hochzeiten sowie Kulturevents.

Virtueller Rundgang

Architekturpreis für die Revitalisierung der Kasematten

Seit der Revitalisierung für die NÖ Landesausstellung „Welt in Bewegung“ erstrahlen die historischen Kasematten in Wiener Neustadt in völlig neuem Glanz.

Stadtbaudirektor Manfred Korzil, Johannes Paar (Architekturbüro pevk perovic), Architekt Matija Bevk, Bürgermeister Klaus Schneeberger und Kultur- und Tourismusstadtrat Franz Piribauer. Foto: Stadt Wiener Neustadt/Pürer

Das slowenische Architekturbüro bevk perovic wurde dafür mit dem renommierten „Piranesi Award“ ausgezeichnet. Das Projekt „Kasematten und Neue Bastei“ stach aus insgesamt 47 nominierten Projekten besonders hervor und konnte die international besetzte Jury mit Juroren aus Belgien, Italien, Spanien, Österreich, Großbritannien, Serbien und Slowenien eindeutig überzeugen. Lesen Sie mehr...

Kasematten

Kasematten Wiener Neustadt
Bahngasse 27
A-2700 Wiener Neustadt